Stellt Euch doch mal vor – Gastauftritt VII

Wie ich auszog das Lachen zu finden von Astrid May

Es gibt Zeiten, da kann Einer das Lachen gründlich vergehen! Da findest Du es in keiner Ecke Deines Körpers, nicht links oder rechts! In solch einem Moment fand mich der Clown. Es ist gut, mit dem Inneren Kind zu beginnen. Hier ist der Clown zu Hause! Er begegnet der Welt wie einem Wunder, mit Offenheit und Neugierde, wertfrei und direkt.
Er erFREUt sich an allem! Alles kann Impuls für sein Spiel sein! Beim Aufstehen aus dem Bett zu plumpsen ist GLÜCK! Die Schuhe verkehrt rum anziehen und zum Bus zu eilen ist Vergnügen. Selbst das Scheitern liebt der Clown. Ein ängstlicher Clown, der sich nicht über den Zebrastreifen traut ist nichts weiter als eine Verzögerung im System! Autofahrer, für den Bruchteil einer Sekunde aus der Routine gerissen, verärgert oder lachend, je nach dem, in welchen Rückspiegel sie schauen. Der Clown hält jedem den Spiegel vor das Gesicht. Spiegelt und verwandelt! Und das tut er zu seiner eigenen FREUDE!Historisch war der Clown schon immer da, um die göttliche Ordnung im Universum durcheinander zu bringen. Seine Aufgabe ist die Welt auf den Kopf zu stellen und Bestehendes mit Augenzwinkern zu hinterfragen. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Daher hatte er in jeder Epoche und Kultur einen festen Platz. Er ist so präsent, das C.G. Jung vom Archetypus des Tricksters als „ein „kosmisches“ Urwesen göttlich-tierischer Natur“ spricht. Es scheint also eine ernste Sache zu sein, dieses Clown sein.

Daher nehme ich im November 2016 am Casting Workshop der TAMALA Clown Akademie in Basel teil. Gesundheit!Clown werden statt Arbeiterin im Sozialsystem. Im Dezember 2016 ist es dann soweit. Udo Berenbrinker, Clown und künstlerische Leiter von TAMALA begrüßt uns zum ersten Ausbildungswochenende Gesundheit!Clown 2016-2019. Ausgestattet mit roten Nasen, einschlägigen Vorkenntnissen oder nicht, sitzt Flugbegleiterin neben Musikpädagogin, noch mehr Pädagogen neben Weinsomalier. Wie zu erwarten war sind soziale Berufsgruppen stark vertreten. Die Motivationen eine professionelle Clownsausbildung zu starten sind vielfältig; einige erfüllen sich einen Kindheitstraum, andere fühlten sich in ihrer bisherigen Arbeit nicht frei genug und wollen sich ergänzende Berufsperspektiven erarbeiten. „Die Arbeit mit Euren Clown wird Euch für immer verändern“; 7 Jahre so hören wir braucht es, bis er in allen seinen Facetten ausgebildet ist. Clown Sein ist eine Haltung und gleichzeitig viel Arbeit. „ Kunst ist schön, sie macht aber viel Arbeit!“, wusste schon Carl Valentin. Und nicht nur er.

Wie viel Arbeit das sein würde, wird uns von Mal zu Mal bewusster. Wir machen Bekanntschaft mit den Aspekten der Clownsarbeit. Theorie, Regeln der Komik, schreien uns Blockaden vom Leib und sind immer auf der Suche nach dem eigenen Clown, dem der schon in uns steckt. Wir schwitzen und lachen, zweifeln alle hin und wieder und stoßen an Grenzen. Klar, dem Clown ist das egal. Er spielt sich seinen Weg durch die Welt. Kennt keine Grenzen und Tabus. Er ist ein Anarchist. Er übertreibt immer. Dabei hält er sich nur an die Regeln der Komik. Es ist das Paradoxe, das ihn lustig macht, nicht das Logische. Das Unerwartete, nicht das Offensichtliche. Die Irritation legt den Grundstein für neue Autobahnen im Hirn. Sagen die Hirnforscher, halt nur anders.
Und doch weiß der Clown in seiner ganzen Verspieltheit genau was tut. Clownsnase auf- und absetzen! Denken Sie, das sei einfach? Ist es nicht! Klarheit und Bewusstheit spielen eine große Rolle. „Setzt Punkte – haltet inne!“ hören wir. Dem Publikum die Möglichkeit geben mitzufühlen und die Freude aufzunehmen. Den Clown, den wir erwecken wollen ist einer mit feinfühligen Humor; er haut nicht die Pointen raus, schminkt sich nicht das Gesicht weiß und kommt ohne übertriebene Verkleidung aus. „Lasst die Ideen kommen, lasst sie wachsen, halte es aus, ihnen beim Entstehen zuzuschauen, auch mitten auf der Bühne“.

Im Juli 2017 trifft sich die Clownsgruppe für ein mehrtägiges Workcamp in Italien. Die Gruppe ist geschrumpft und gewachsen. Geschrumpft in sich und gewachsen an sich selbst! Der feste Kern der Gruppe hat bereits viel mit einander erlebt. Inzwischen hat jeder seine eigene Clownsfigur gefunden. Da wären die GANZ kleinen Clowns. Sie sind die Schüchternen, die aus dem sicheren Versteck hinter der Bühne mutig ihre roten Nasen herausstrecken und sich schließlich trauen ganz und gar, klein wie sie sind DA zu sein. Oder die KLEINEN Clowns, die Frechsten von allen, die sich im Unfug verheddern und herausfinden nur um über den nächsten zu stolpern. Die GROSSEN Clowns hingegen, zu groß für ihre eigenen Schuhe, strahlen in ihrer Herrlichkeit über die sie stolpern wie über ihre eigenen Füße. Dem Menschen am ähnlichsten ist der HEKTIKER. Sein Handeln ist durch und durch vom Drang Sinnvolles zu tun geprägt. Und das ist das Groteske an ihm. Er hält dem menschlichen Treiben den Spiegel vor. Einer Menschheit, die einem Uhrwerk gleich tickt und atemlos rennt und schon längst den tieferen Sinn ihres Treibens vergessen hat. Der 10tägige Aufenthalt in den Bergen mit Blick über den Lago Maggiore ist der Höhepunkt und zugleich „Zwischenprüfung“ für die angehenden Clowns. Bei Straßenperformances in Cannobio (I), Winterthur (CH) und Allenbach (D) präsentieren sie die Ergebnisse ihrer Bühnenarbeit. Das ehrlichste Feedback gibt der Zuschauer. Lacht er nicht, war es nicht lustig.

Meine persönliche Clownswerdung hat zwischenzeitlich einen Umweg eingeschlagen. Meine Faszination die Clowns wird bleiben, sei es für Clowns, die Freude und Lachen in Flüchtlingscamps hineintragen oder jene, die in Hospizen mit dem Tod vor Augen spielen. 7 Jahre – der liebenswerte Anarchist in mir wird wachsen. Es ist zu befürchten, dass die Menschheit noch in Jahren das Lachen sucht. Dann bin ich wieder dabei – ob professionell oder subversiv, denn der Clown ist eine Haltung.

Astrid May, lebt in Köln, Künstlerin mit ungeklärtem Auftrag. Manchmal schreibt sie. Ansonsten schläft sie viel.

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