documenta 14. Lernen im Dialog

Athen. documenta 14 – eine persönliche Betrachtung

Eine documenta im öffentlichen Stadtraum. Kunst-Stationen über die Stadt verteilt. Die Aufforderung, das Stadtgebiet zu durchlaufen, es sich zu erschließen und Orte wahrzunehmen, die sich abseits der üblichen Kunst-Verortung befinden. Bei meinem Besuch wurde die documenta tatkräftig unterstützt durch die streikenden Verkehrsbetriebe…es blieb nichts anderes übrig als zu laufen; Kilometer um Kilometer Eroberung von holprigem Straßenland – und ja tatsächlich: eine Stadt sieht sehr anders aus, wenn das schnelle von A nach B wegfällt und kleine Seitenstraßen in den Blick kommen und ansonsten für uninteressant erachtete Viertel, die zwischen mir und dem Objekt der Begierde liegen, passiert werden müssen. Schritt für Schritt Körperarbeit – eine leibhaftige documenta-Erfahrung. Und um auf den gerade erwähnten Streik zurückzukommen: es ist eine klar politische documenta – politisch im Unterschied zum medial vorgeworfenen politkitschig. Diese documenta steht inhaltlich, räumlich, zeitlich in der direkten Auseinandersetzung, im fortlaufenden Prozess/Dialog mit dem, was in Athen gerade passiert. Aktueller war eine documenta nie – auf gesellschaftliche IST-Zustände bezogen. Themenstränge: Urbanität,  Krieg, Heimat/Heimatverlust, Sprache, Gender, virtuelle Welten, Utopien, Kollektive/Kollaborationen, neue Bildungsansätze…Die Kooperationspartner*innen: „Kiezorganisationen“, Bildungsträger, Archive, Universitäten…Die Räume: überall; nicht immer leicht zu finden, aber Bewegung ist in vielerlei Hinsicht die angemessene Herausforderung.Die Formen: interaktive Ausstellungen, Philosophische Workshops, Performances, hybride nach Kassel hineinreichende Aktionen, Stadtraumprojekte…

Die Künstler*innen: aus aller Welt, mit jeweils sehr eigener künstlerischer – ihrer Herkunft und ihrer Biografie geschuldeten  – Sprache. In den kommenden Wochen werde ich hier im Blog documenta-Künstler*innen vorstellen, deren Arbeiten mich berührt haben, in mir nachklingen.

Es ist eine sehr arbeitsreiche documenta; mehr an „Lernen von Athen“ oder besser gesagt „Gegenseitigem Lernen über Dialog“ geht kaum, weniger wäre verschenkte Option gewesen. Neben dem politkitschig auch oft kolportiert: eine Gegen-documenta zur vorangegangenen. Auch hier widerspreche ich vehement. Die documenta13 war eine spirituell/körperbetonte documenta mit dem klaren Fokus auf Gestaltungspotential und Verbesserung von Lebensbedingungen – die jetzige documenta nimmt nichts anderes in den Fokus; nur ist die künstlerische Handschrift hier eine andere, eine die das technophile, das digitale mit hinein nimmt in die Auseinandersetzung. Für mich schließt sich hier eine Klammer: 13 + 14 = unendlich.

Ich bin sehr gespannt auf den Kasseler Part der documenta und empfehle Allen vorab nach Athen zu reisen. Gutes Schuhwerk einpacken und die Augen offen halten…