Vorübungen für den Tod

marina-abramovic-cleaning-the-mirrorPerformance-Ikone Marina Abramović zum 70.

Das Wort Grenzgängerin scheint für sie erfunden worden zu sein. Wenn sie davon spricht, dass jede ihrer Performances sie an und über Grenzen hinweg bringt und der „Erfahrung Tod“ näher, ist dies nicht nur eine knappe Beschreibung ihrer Arbeitsmethoden, sondern elementare Lebensphilosophie. Ihr Arbeitsmaterial seit jeher: der eigene Körper – Extremsituationen ausgesetzt. Der Körper, aus dem eine Stimme heraus schreit, bis sie vor Schmerz verstummt; der Körper, tanzend, bis er zusammenbricht; der Körper, von Performance Besuchern oder auch ihr selbst malträtiert, bis Blut strömt; der Körper, Flammen und Rauch preisgegeben, bis sie ohnmächtig wird; der Körper, auf einem Eisblock festgefroren, bis sie halluziniert; der Körper 75 Tage regungslos auf einem Stuhl in der MOMA sitzend; der Körper, den sie oder der sie über 2000 km lang über die chinesische Mauer führt. Der Körper, der nie losgelöst agiert von ihrem Geist. Der Körper, den sie verehrt und der Kunst weiht. Der Körper mit dem sie den Ernstfall Tod probt. Sie ist die radikalste der Performance- und Körperkünstlerinnen unserer Zeit. Und mit den nun 70 Jahren (30.11.2016) ist für sie lediglich ein weiterer Zwischenschritt erreicht. Die Liste der Perfomances, die für die nächsten Jahre geplant sind ist lang. Die Vorausschau auf ein viel höheres Alter schon da: alt werden im Kloster…nicht jetzt, aber später. Sie ist noch nicht fertig mit der Kunst, dem Körper, der Welt.Und über die einseitige Darstellung ihrer Person als ewige Kunst-Märtyrerin oder Körper-Asketin ist sie vermutlich allenfalls belustigt, weniger geschmeichelt. Da gibt es noch die anderen Seiten von ihr. Das Fotomodel der Vanity Fair – sie liebt das Schöne & Luxuriöse und macht wunderbarerweise keinen Hehl daraus; die spirituelle Mentorin, die lehrt, ohne zu missionieren; die radikal Sprechende, die gerade vor wenigen Monaten einen shitstorm der Empörung auslöste mit der Aussage Künstlerin sein und Mutter zugleich ginge nicht, wenn es denn ernsthafte Kunst werden solle. Sie spaltet: die Zahl der Bewunderer*innen wächst – spätestens seit der MOMA Performance hat sie einen Popstarähnlichen Kultstatus erreicht; die Zahl derer, die ihr bloße Aufmerksamkeitsheischerei, Wiederholung und Anbiederung vorwerfen ist auch nicht gerade gering. Was aber alle anerkennen müssen, ob sie denn wollen oder nicht: langweilig wird es auf jeden Fall nie mit ihr! Happy Birthday zum 70. Geburtstag Marina Abramović!
Wer tiefer eintauchen möchte, dem sei ihre gerade auf Deutsch erschienene Autobiografie empfohlen: Marina Abramović. Durch Mauern gehen
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